Mittwoch, 25. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Stora Rör bis Figeholm

Sturmabwarten in Sandvik

In Stora Rör sahen wir schon aus den Vorhersagemodellen, dass uns ein wenig Starkwind bevorstehen würde. Da wir vorher noch etwas Nord machen wollten, beschlossen wir Borgholm auszulassen und stattdessen direkt nach Sandvik, etwa 10sm weiter nördlich gelegen, weiterzufahren. Zunächst war der Wind sehr schwach und kam direkt von vorn.

Bis zur Höhe von Borgholm unternahmen wir drei Segelversuche, aber eigentlich war es eine reine Motorfahrt. Dahinter setzten wir bei nun etwas raumerem Wind die Segel wieder und warteten einfach mal ab. Tatsächlich: Der von der Vorhersage versprochene Winddreher aus SE kam mit drei Stunden Verspätung und brachte uns eine rauschende Fahrt nach Sandvik ein. Dort gibt es einen wunderbaren Fischladen direkt am Hafen, dazu einen langen Steinstrand, der durch die Hafenbefestigungen vor dem angesagten Sturm geschützt ist und zum ersten freiwilligen Ostseebad "einlud"... 

Am nächsten Morgen war es zwar zugig, aber von einem Sturm war nicht viel zu sehen. Der kam dann über Mittag mit durchschnittlich - geschätzt - über 30kn, in Böen durchaus auch mal über 40. Nichts zum draussen rumsegeln jedenfalls. Wir schlugen ein wenig Zeit tot...

... beobachteten die unglaublich elegant fliegenden Schwalbenmöwen...

... machten einen Spaziergang der Küste nach zu einem nahegelegenen Sumpfgebiet und buken sogar noch einen leckeren Rhabarber-Streuselkuchen.

Noch eine kleine Insel

Am Mittwoch sollte es weitergehen. Ich hatte mich einfach aus Spass und Interesse in Sandvik bereits am Dienstag bei anwesenden Fischern nach einer Möglichkeit erkundigt, die "Blaue Jungfrau" zu besuchen - eine kleine, sagenumwehte Insel mitten im nördlichen Ausgang des Kalmarsundes. Sie rieten vorsichtig zu und beschrieben die von ihnen empfohlene Anlegestelle als wahrscheinlich mit viel Vorsicht gut befahrbar, wohl etwas über 2m Wassertiefe. Der junge Mann machte einen vertrauenswürdigen Eindruck. Und so reifte der Entschluss schnell: Erst zur Insel für einen Zwischenstopp, dann weiter nach Figeholm. Wir legten gegen 8 Uhr ab und segelten mit gutem Wind los. Bei der Insel angekommen begrüsste uns ein Seeadler in elegantem Segelflug. Wir tasteten uns langsam an die Anlegestelle heran. Erst im sechsten Anlauf gelang uns das Manöver, zu dem wir keinerlei Anleitung hatten. 

Also, falls es jemand mit Segelboot probieren möchte, wir haben es so gemacht: Anlegestelle ist die kleine Bucht hinter dem weissen Leuchttürmchen im NW der Insel - Sikhamn. Dort kommt der Inselrundweg mit seinen Drahtgeländern herunter bis ans Ufer - Zeichen dafür, dass hier in der Hochsaison die Ausflugsschiffe anlegen. Genau unterhalb der Geländer befinden sich mehrere Ringe, an denen ein Boot längsseits gut Platz hat - wir machten es mit Steuerbord. Ob es andersrum auch geht - keine Ahnung. Mehr als 2m Tiefgang dürften aber nicht zu empfehlen sein, wenn man beim Herantasten noch ein wenig Spielraum zum Manövrieren behalten möchte. Dafür hat man in der Anfahrt rechts vom Anlegeplatz etwa 10m zur Verfügung. Das haben wir erst einmal drei Runden lang vorsichtig ausgekundschaftet - sehr zu empfehlen. Letztlich sind wir (sehr langsam, wir wollen schliesslich im Fall einer Felsberührung keinen grösseren Schaden anrichten!) in ca. 45°-Winkel an die beiden untersten Ringe herangefahren. Vorne warfen wir eine kurze Leine über einen der Ringe und dampften vorsichtig rückwärts ein. Dann stieg einer mit der langen Achterleine in der Hand vorn über und zog am hinteren Ring das Achterschiff an den Felsen, während vorn die Leine entsprechend gefiert (locker gelassen) wurde. Dann mehrere Leinen an die zur Verfügung stehenden Ringe. Dass für das Ganze die Steuerbordseite dick und doppelt und dreifach abgefendert war, versteht sich. Am Liegeplatz selbst fällt der Fels lotrecht ins Wasser. Mein Echolot zeigte mir 2m unter Kiel, also ca. 3.5m Wassertiefe an. Beim rückwärts Rausfahren fiel das kurz auf 0.8m, aber auch das sollte noch reichen. Ansonsten geht es sehr steil zu - es wird erst 25-50m vor der Insel selbst wirklich flach, sinkt beim Wegfahren schnell wieder auf über 30m. 

(Disclaimer: Ich übernehme keine Gewähr für die obigen Angaben. Jedes Boot ist anders, jede Crew reagiert anders. Verantwortlich ist allein der jeweilige Skipper. Vielleicht hatten wir nur Glück, und wenige Meter rechts oder links wäre es schon zu flach gewesen.)

Die Insel selbst ist sehenswert: Der Blick öffnet sich über den Kalmarsund von Öland bis Okarshamn. Die Granitfelsen sind beindruckend. Ein toller Platz für einen mittäglichen Zwischenstopp. Der heute auf einer Seite bewölkte, auf der anderen blaue Himmel lässt es scheinen, als habe man es mit zwei verschiedenen Gewässern zu tun.

Am Nachmittag fuhren wir weiter in Richtung Figeholm. Nach dem ersten Anleger am Fels wollten wir nun auch unser erstes Schärenfahrwasser erleben. Und das wurde was. Kurz vor der Einfahrt ins Fahrwasser war Schluss mit dem beschaulichen Leichtwind-Vorwind-Segeln. Es begann plötzlich von vorn mit 6 Windstärken zu kacheln. Wir rollten das Vorsegel ein und hatten selbst mit nur dem recht offen gefahrenen Grosssegel gut gegen den Windversatz anzukämpfen. Die Schärenlandschaft entschädigte uns für die damit verbundene Aufregung. 

Wir erreichten letztlich ohne Probleme den idyllischen Ort Figeholm mit seinem beschaulichen Bootshafen. 

Das war ein unglaublich schöner, aufregender, spannender und bereichernder Segeltag.

Sonntag, 22. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Kalmar und weiter

Ruhetage in Kalmar

In Kalmar haben wir das erste Mal mit Heckboje angelegt. Man fährt langsam so an die Boje, dass jemand an der Seite des Schiffes einen Festmacher durch die Öse fädeln kann (oder man hat einen Bojenhaken, wir aber nicht). Mit Hilfe dieser Leine und der Boje kann man dann die Vorwärtsfahrt in Richtung Steg besser kontrollieren. Weiter geht es also bis dicht an den Steg. Dort steigt jemand über, fädelt die Vorleine durch den Ring, und schon ist man fest. Nur noch ein bisschen austarieren mit den Abständen und Leinenlängen, fertig. Das klappte fürs erste Mal recht gut, nur dass wir ausgerechnet eine zu kurze Achterleine parat hatten. Wir waren noch lange nicht am Steg, als Melanie rief, dass die Leine zu Ende ist. Also schnell mit zwei Palsteks eine zweite Leine rangeknüppert. Wenn's schnell gehen muss, geht das natürlich erstmal schief, aber im dritten Versuch kriege ich dann doch die zwei Knoten hin. 

Den Freitagvormittag verbrachten wir mit Einkäufen, Wäsche, Boatschooling und etwas Bootsputz. Am Nachmittag lag dann doch noch ein Spaziergang durch die pittoreske Stadt und ein wirklich fantastisch gutes Eis aus der Gelato Factory drin. 

Da die Museen schon geschlossen waren. Wir vertagten das einfach. 

Am Samstagmorgen (übrigens der erste Regentag unserer Reise) kam die Nachricht, dass unser Besuch schon am späten Vormittag eintreffen würde. Um 11 Uhr holten wir die beiden am Bahnhof ab. Nach dem Mittagessen ging es dann zu sechst in Richtung Länsmuseum. Hauptgegenstand dieses Museums ist die "Kronan", das Prachtschiff der schwedischen Marine im 17. Jahrhundert. Am 1. Juni 1676 brach sie in die Schlacht vor der Insel Öland auf, wo sie ohne Feindeinwirkung unterging: Man hatte wohl - weil sich die Offiziere nicht einig waren - zu viel Segel stehen lassen. Dann wurde bei schweren Wetterbedingungen seitens der anderen Schiffe eine Wende befohlen, und in der legte sich die Kronan weit zur Seite über. Da die Kanonen (ca. 120 Stück) nicht ausreichend gesichert waren, rollten die von der einen Seite erstmal quer durchs Schiff auf die andere, und dann explodierte noch aus ungeklärten Gründen das Pulverlager. Von 842 Mann an Bord kehrten nur 42 zurück. 

Das Museum erzählt die Geschichte sehr anschaulich und berichtet auch von der Erforschung und stückweisen Bergung der Kronan. Viele Fundstücke aus den verschiedenen Teilen des Schiffes lassen tiefe Einblicke in das Marine- und Seefahrerleben des 17. Jahrhunderts zu. 

Weiter nach Norden

Am 22. Mai warfen wir am Vormittag in Kalmar die Leinen wieder los. Ablegen von der Heckboje ist fast so schön wie anlegen: Einer gibt vorn langsam Lose in die Leine, während ein anderer die Heckleine dichtholt und das Boot so von Hand zur Boje zieht. Vorn los, hinten los, Rückwärtsgang einlegen, und weg ist man. Die Windvorhersage war eher schlecht, wenig Wind, und das genau von vorn. Kreuzen oder Motoren? Wir entschieden uns für ersteres und versuchten so viel wie möglich Höhe zu laufen, um den Kalmarsund in Richtung Norden verlassen zu können. Es ging langsam aber doch stetig voran. Da uns die Option, später doch noch motoren zu müssen, nicht recht gefallen wollte, beschlossen wir am Mittag, statt Borgholm einfach den kleinen Hafen Stora Rör auf der Insel Öland anzulaufen. Eine gute Entscheidung. Es ist ganz wunderbar friedlich hier. 


Ein Boot im Hafen hat allerdings den Winter nicht so gut überstanden.

Die Kinder haben die Angeln ausgepackt.

Und endlich kommt auch unser dazugemietetes Dingi zum Einsatz. Da es der erste Einsatz des Dingis überhaupt war, beschlossen wir, es auf den Namen "Nr. 7 1/2" zu taufen. 

Aufgepumpt war es schnell. Nur einer der beiden Riemen ("Ruder") musste erstmal repariert werden. 

Das mit den Reparaturen haben wir ja inzwischen ohnehin recht gut weg. Immer mal wieder gibt es was zu basteln. Am Donnerstag Morgen gab es im Schiff einen Knall, und ein verdattertes Kind schaute uns aus dem Salon an, in der Hand eine aufgepustete Rettungsweste. Diese Automatikwesten haben neben dem automatischen Wasserdruckauslöser (eben: wenn man ins Wasser fällt, soll sich das ja aufpusten) auch einen manuellen (falls man im Wasser ist und die Weste sich nicht aufgepustet hat). Der manuelle Auslöser ist eine kurze Kordel mit einem roten Knopf am Ende. Eben der hatte sich irgendwo in einem Ritz verklemmt, und beim Versuch, die Weste mit Schwung zu befreien, hatte es den erwähnten Knall gegeben. Im Bootszubehörladen in Kalmar erhielten wir eine Ersatzpatrone, und dann konnte ich mich ans Werk machen und die wieder abgelassene Weste zusammenfalten und in ihre ursprüngliche Form zurückbringen. Cool - auch das hätten wir also mal gemacht.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Zum schwedischen Festland

Die kleinen Inseln

In Rønne auf Bornholm lernten wir Wolfgang und Andrea von der "moeck moeck" (eine Schöchl Sunbeam 36.1) kennen, die für einige Zeit den gleichen Weg haben. Bis Kalmar reisten wir jetzt mehr oder weniger parallel, waren gemeinsam in Christiansø und auf Utklippan und liegen jetzt auch wieder im gleichen Hafen in Kalmar. Sie berichten von ihrer Reise auch in einem Blog. Sehr zu empfehlen!

Wir brachen also nach unserer Starkwindtour von Tejn aus wieder auf und fuhren bei wenig Wind gemütlich segelnd zu den nur 12sm entfernten Erbseninseln. Schon bei der Anfahrt wurden wir von einigen Bewohnern der Insel begrüsst: Kegelrobben. Von denen gab es dann noch viele zu bewundern, die sich vor der NO-Küste auf einem Felsen tummelten. Leider haben wir keine Teleobjektiv-Kamera dabei, so dass es die Vergrösserung der Handy-Kamera tun muss.


Daneben halten sich gerade verschiedenste Vögel auf den Inseln auf, entweder um auf der Durchreise nach Norden oder Süden auszuruhen oder um zu brüten, wie diese Eiderente gerade am Wegrand.

Die Erbseninseln sind bis dahin mein eindeutiger Lieblingsort dieser Reise. Phantastische Landschaft, Tierwelt hautnah, eine kleine Bevölkerung. Wir gönnten uns ein teures aber reichhaltiges und leckeres Abendessen in der lokalen "Gaestgiveri" und natürlich den Sonnenuntergang.


Am nächsten Tag segelten wir weiter - es ging nach Schweden, und das erste Ziel waren noch kleinere Inseln: die Schäreninseln von Utklippan. Dazu mussten wir die "Autobahn" queren, durch die der Grossschiffsverkehr in der Ostsee geleitet wird. Ohne AIS war es spannend: Gehen die wirklich alle noch vor uns quer durch? Wird die Unibaltic, die da noch kommt, ausweichen? Tatsächlich, sie dreht leicht nach Steuerbord ab und passiert hinter uns. Da sind wir offiziell schon in Schweden und packen die zweite unserer Gastlandflaggen aus. 

Von Utklippan sieht man zuerst den Leuchtturm, später erkennt man dann die ringsum im Wasser liegenden Felsen. Nach der Einfahrt in den kleinen Hafen stellt sich heraus: Hier ist nix los. 



Nur die moeck moeck ist schon da - erwartungsgemäss, denn sie haben das grössere Vorsegel und können höher an den Wind als wir. Unterwegs hatten wir sie gesehen - eine halbe Stunde nach uns aufgebrochen, aber bald schon sahen wir sie etwa eine Meile an Steuerbord an uns vorbeiziehen. (Das dauert seine Zeit beim Segeln, aber ist doch deutlich zu erkennen.) 

Zum schwedischen Festland und nach Kalmar

Am nächsten Morgen brechen die beiden schon einmal auf, wir bleiben noch einige Stunden. Dann machen wir nur einen kleinen Sprung von 12sm nach Sandhamn und erreichen damit das schwedische Festland. Der Hafen selbst ist hübscher als nach der Lektüre des Revierführers erwartet. Man kann es hier aushalten. Es gibt sogar Fahrräder am Kai, die man einfach für eine kleine Runde in der Gegend benutzen darf.

Dann kommt erstmal der Geburtstag vom Jüngeren. Kuchen ist gefragt, und tatsächlich: Mir gelingt in der Bootsküche mit ihrem rudimentären Gasbackofen ein halbwegs passabler Aprikosenstreuselkuchen.

Am Geburtstag (also heute) stand am Morgen die Entscheidung an: in einer Etappe 45sm bis Kalmar oder noch ein Zwischenstopp. Nach einem Blick auf den Wetterbericht (3-4 aus Süd heute, 3-4 aus Nord morgen) entscheiden wir uns für die lange Etappe. Wieder mal der Wind, und dieses Mal in der bekannten Düse des Kalmarsundes: Es sind eher 6 Windstärken genau von hinten, und grosse Wellen laufen auch von hinten unter dem Schiff durch. Solange man konzentriert steuert, gibt das wunderbare Schiffsbewegungen. Man wird angehoben, kurz abgebremst und dann die Welle runter wieder ordentlich beschleunigt. Kommt man mal vom Kurs ab, schaukelt es aber gewaltig. Unterwegs begegnen wir zunächst zwei Militärschiffen bei Manövern. Das macht mich etwas nervös, weil ich aus ihren Bewegungen nicht klug werde und nicht recht weiss, ob ich nun ausweichen muss oder nicht. Wir hielten vorsichtshalber einmal gehörig Abstand. Dann trafen wir einen traditionellen Dreimaster - ein toller Anblick.

Nach einer gefühlt unendlichen Fahrt durch den Kalmarsund von einer Ost-Kardinaltonne zur nächsten erreichten wir endlich den Leuchtturm an der engsten Stelle des Sundes...

... und kurz darauf den Hafen von



 


Sonntag, 15. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Bornholm

Landurlaub

Nach der Ankunft in Rønne beschlossen wir, einige Tage dort zu bleiben. Einerseits, um die angekündigte dreitägige Starkwindphase abzuwarten, andererseits um die dänische Sonneninsel Bornholm kennenzulernen. Die Jungs hatten grosse Freude am Fussballplatz neben dem Hafen und verbrachten dort recht viel Zeit. Wir konnten währenddessen in Ruhe einkaufen gehen, Kaffee trinken und die hübsche Stadt erkunden. 


Für Freitag entschlossen wir uns zu einer Inselrundfahrt mit dem ÖV. Wir kauften Tageskarten und standen pünktlich kurz vor 9 Uhr am Busbahnhof. Aber der von uns erwählte Bus kam nicht. Erst eine Stunde später ging es mit einer anderen Linie los zur Burgruine Hammerhus.


Von hier wanderten wir nach Allinge und stiegen dort wieder in den Bus, um ins malerische Svaneke, an der Ostspitze der Insel gelegen, weiterzufahren. Dann ging es über die Südecke zurück nach Rønne. 

Die ganze Zeit über beobachteten wir die Wetterentwicklung - und die Sonnenuntergänge. 


Der Revierführer schrieb von "blankem Horror", der vor Rønne bei anhaltendem starkem Westwind ausbrechen könnte. Wir hatten Respekt davor. Für Sonntag waren noch Westwinde der Stärke 4-5 angesagt, für Montag schon wieder nur noch 1-2, zu wenig zum Segeln. Also beschlossen wir, bereits am Sonntag in Richtung Ostseite aufzubrechen.

Ein wilder Ritt

Am Sonntag um halb elf warfen wir in Rønne die Leinen los und verliessen den Hafen. Der Wetterbericht war nach wie vor in Ordnung: 4-5 Windstärken aus West, rückdrehend auf SW und schwächer, später wieder 4-5 aus West. Nach der Hafenausfahrt bis um das Riff herum wurde es etwas ruppig - auch wie erwartet. Doch dann nahm der Wind zu statt ab. Ab halb zwölf hatten wir konstante 6 Windstäken, kurz später konstante 7 mit durchschnittlich 29,5 Knoten, mindestens eine Böe erwischte ich auf dem (ausnahmsweise funktionierenden) Windmesser mit 34,2. Das ist Stärke 8 "stürmischer Wind". Wahrscheinlich gab es einige mehr solcher Böen. Das war unangenehm und ging allen an die Nieren. Recht grosse Wellen zogen unter uns durch, ich schätze die grössten auf ca. 2 bis 2,5m - aber das ist bekanntlich schwer zu sagen. Unangenehm war vor allem, dass sie unregelmässig und in Gruppen von 3-4 Wellen mit sehr kurzen Abständen kamen und dass Schiff kräftig zur Seite rollten. Wir packten dann doch neben den ohnehin obligatorischen Rettungswesten auch die Sicherheitsgurte aus. Später setzten wir ein Stück Fock zur Maschine und gewannen so etwas an Geschwindigkeit, Kontrolle und Stabilität. Ein Lob für die Nummer sieben: Sie liess sich trotz der harten Bedingungen gut auf Kurs halten.

Hinter Hammerodde, dem Nordkap von Bornholm, wurde die See deutlich ruhiger, da wir uns nun im Lee der Insel befanden. Das hiess allerdings noch nichts für den Wind, der blieb steif bis stürmisch, und das bis in den Hafen. Einem ersten Instinkt widerstrebend verliessen wir das grosse Becken und fuhren in ein kleines hinteres Hafenbecken, wo es eng zu- und herging. Es gab keine passenden Plätze, und einmal mehr mussten wir auf engem Raum gegen den Wind umdrehen. Es gelang, und nun fuhr ich schnell zurück ins grosse Becken II, um dort - wie anfangs gedacht aber verworfen - längsseits an die Kaimauer zu gehen, wo wir nun sehr ruhig liegen. 

Erst am Abend flaute der Wind ab und erlaubte sogar, an den im Hafen zur Verfügung stehenden Picknickbänken Abendbrot zu essen. 


Morgen fahren wir bei nun wohl wirklich eher schwachem und umlaufendem Wind zu den Erbseninseln, die wir von hier aus schon in 10sm Entfernung liegen sehen.



Mittwoch, 11. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Rügen bis Bornholm

Lauterbach – Sassnitz: «Aus Fehlern lernen»

So lautet eine Kapitelüberschrift in einem Buch über Segeln. Das ist wohl das Motto dieses Tages. Die erste Herausforderung wartet schon ganz am Anfang beim Ablegen in Lauterbach. Wir stehen in einer Box (= Steg vorn, zwei Holzpfähle oder «Dalben» hinten) und haben etwa 25 kn Wind direkt von der Seite. Ich brauche lange, bis ich mich entschliesse loszufahren. Und habe einen Plan: Melanie gibt vorn kontrolliert die Leinen nach («fiert» die Vorleinen), während ich rückwärts Gas gebe und wir so langsam aus der Box fahren. Das klappt gut, zumal die Sorgleinen (zwischen den Dalben und dem Steg gespannt) uns auch in der Box halten können, falls nötig. Als alle Leinen los sind, beginnt das Schiff zu drehen. Leider verhakt sich dabei der Anker mit der Sorgleine, so dass ich nochmal ein Stück in die Box zurück muss. An sowas denkt man nicht. Zum Glück gelingt es mir gut, nach Ausfahrt aus der Box gegen den Wind in der engen Gasse zwischen den Boxen zu wenden, dann mit ordentlich Gas aus dem Hafen raus.

Die Fahrt durch die wunderschöne Landschaft des Greifswalder Boddens gen Süden geht gegen den Wind, nur ein Stück können wir segeln. Erst beim Abbiegen ins Landtief-Fahrwasser setzen wir die Segel. Leider entgeht mir zunächst die Tatsache, dass wir dennoch den Kurs durch die Rinne nicht anliegen können, weil es zu hoch am Wind ist. So gerate ich falsch ins Fahrwasser und passiere einen entgegenkommenden Schlepper viel zu nahe. Der Kapitän sieht – zu Recht – not amused aus.

Die weitere Fahrt nach Sassnitz verläuft bei herrlichem Wetter problemlos. Ums Nordperd herum und dann an einigen Fischernetzen vorbei geht es direkt auf den Hafen zu. Dort tanken wir und stellen endlich den Verbrauch einigermassen fest: etwas mehr als zwei Liter Diesel pro Motorstunde. Danach fahren wir in die Stadtmarina weiter und haben etwas Mühe beim Anlegen in die riesig langen Boxen. Vor allem wusste ich zunächst nicht, zu welcher Box welche Dalben gehörten. Eigentlich war es ein schöner Segeltag, aber am Ende war ich unzufrieden und haderte. Wir überlegten kurz, ob wir schon in Sassnitz ein paar Ruhetage einlegen sollten. Aber die Wettervorhersage war einfach zu gut. Also eine Lektion in Resilienz: Fehler hin oder her, daraus lernen und weiter geht es!

Sassnitz – Bornholm: Glück muss man haben.

Der nächste Morgen begann wie der letzte Tag: Beim Ablegen verhakte sich meine Achterleine in der Klampe, so dass das Boot prompt mit einem Rums ans Nachbarboot trieb. Nichts passiert, ausser dass die Nachbarn vom Frühstückstisch hochschreckten. Um 7 Uhr glatt waren wir frei und verliessen den Hafen von Sassnitz. Von nun an galt Generalkurs ca. 50°. Angesagt war Südwind zwischen 3 und 5 Windstärken. Wir motorsegelten für ca. 1.5 Stunden, bis wir aus der Abdeckung der Halbinsel Mönchgut/Nordperd raus waren. Dann Motor aus und die Rauschefaht begann. Der Wind kam ganz leicht von achtern, fast noch ein Halbwindkurs. Die Nr. 7 lag wunderbar auf dem Ruder und machte problemlos über 6 Knoten Fahrt, zweitweise 7,3 im Schnitt, in Spitzen 7,9 Knoten. Schon früh sahen wir die riesigen Windräder des Windparks Arkona-Becken Südost. Gleichzeitig verschwanden langsam die Kreidefelsen von Rügen. 


Kurz nach der Passage des Windparks sahen wir unser Ziel ganz schwach am Horizont auftauchen. Zeit, die erste Gastlandflagge zu setzen. 


Der Wind hielt, was die Vorhersage versprach. Den ganzen Tag schien die Sonne. Es ist fantastisch, den langen Schlag unter diesen Bedingungen zu segeln. 

Kurz vor Rønne kam aus der Ferne ein Frachtschiff auf uns zu, eindeutig Kollisionskurs. Lassen wir es darauf ankommen? Ja, wir behalten – vorschriftsgemäss – Kurs und Geschwindigkeit bei. Tatsächlich dreht die Jan D mehr als rechtzeitig leicht nach Backbord ab und passiert uns mit ausreichendem Abstand achtern. Danke!

Wir segeln an der Hafeneinfahrt zum Haupthafen vorbei zum weiter nördlich gelegenen Sportboothafen Nørrekas. Hinter der Hauptmole wird das Vorsegel eingerollt, Maschine an. In dem Moment piept der Plotter, weil er kurzzeitig das Satellitensignal verloren hat, und eine Wolke Brandgeruch zieht von Land her über das Boot, beides macht mich etwas nervös, so dass ich vergesse, dass wir fast vor dem Wind waren. Der Baum schlägt mit Karacho auf die andere Seite. Glück, dass alle sassen. Wir bergen schnell das Grosssegel. Dann bricht urplötzlich Wind von mindestens 7 Bft über uns herein. Nichts wie in den Hafen, der nur wenige Hundert Meter entfernt ist. Das Anlegemanöver gelingt bestens. Mit 6 Leinen und vielen Fendern sichern wir das Boot gegen den angekündigten Starkwind der kommenden Tage. Mindestens drei Tage werden wir wohl in Rønne bleiben. Wir freuen uns auf die Pause und auf die Insel Bornholm. Die milde Luft geniessen wir schon jetzt.

Sonntag, 8. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Warnemünde bis Lauterbach/Rügen

Hiddensee, Stralsund und weiter

Von Warnemünde aus ging es zunächst bei gutem Wind weiter nach Hiddensee. Aber schon vor Darsser Ort mussten wir den Motor zuschalten. Die Einfahrt nach Hiddensee von Norden her ist spannend. Enge Fahrwasser und ein Wind, dem man gut entgegensteuern muss, damit er einen nicht aus dem Fahrwasser treibt. Und gleich daneben ist es flach: 3-5m tiefe Fahrrinnen liegen unmittelbar neben Wasser von nicht mehr als 10cm Tiefe. Dort stehen die Enten und Möwen im Wasser. Der kleine Ort Kloster auf Hiddensee ist idyllisch, die ganze Insel ist auf jeden Fall einen Besuch wert.


Für das Wochenende war Familientreffen in Stralsund angesagt. Wir motorsegelten am Freitag durch die Fahrwasser zwischen Hiddensee und Rügen und dann in den Strelasund. Zwei Robben winkten uns kurz aus dem Wasser – scheint, wir haben mit Tiersichtungen bisher unverschämtes Glück.

Es folgte ein Hafentag in Stralsund: Besuch am Boot, Besichtigung des Ozeaneums, Stadtrundfahrt und Familienessen standen auf dem Programm. Am Sonntagmorgen ging es früh wieder in die Spur. Die Ziegelgrabenbrücke öffnet nur wenige Male am Tag, und wir wollten es auf die 8:20 Uhr-Öffnung schaffen. Der Wind stand gut, und so setzten wir direkt hinter der Brücke die Segel und liessen uns von achterlichem Wind durch den Strelasund blasen, teilweise in Schmetterlingsbesegelung: Grosssegel auf den einen, Vorsegel auf der anderen Seite. 


Neben gutem Wind spielte dabei auch das Wetter mit: strahlender Sonnenschein und warm.

Für die nächsten Tage wird es spannend. Eventuell müssen wir uns mit dem Sprung nach Bornholm beeilen, da für Mitte nächster Woche eher zu viel Wind angesagt ist. Vielleicht geht es also schon am Dienstag dorthin, vielleicht verbringen wir auch einige Tage zum Abwarten in Sassnitz. Ihr werdet es erfahren.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Burgtiefe bis Warnemünde

Sie hatten doch Abenteuerurlaub gebucht, oder?

Drei Probleme gelöst

In Burgtiefe kümmerten wir uns erstmal ums Schiff. Das erste gelöste Problem war der Autopilot. Es gibt zwar eine Anzeige dafür, die auch etwas anzeigt, aber keinen eigentlichen Autopiloten. Kein Autopilot - nichts defekt.

Beim Plotter hiess es, wir sollten ihn einsenden und warten, dass uns ein neuer geliefert würde. Das konnten wir uns nicht recht vorstellen und beauftragten einen lokalen Bootselektriker mit der Fehlersuche. Es stellte sich heraus: Das Stromversorgungskabel für den Plotter war an beiden (!) Enden nur locker verbunden und löste permanent Wackelkontakte aus. Einmal festmachen, fertig. Plotter läuft wieder. 

Für Problem Nummer drei konnten wir die lokale Volvo Penta-Vertretung gewinnen. Die sagten: "Das Problem ist bekannt, kann passieren und kann keiner was für: Die Motorsteuereinheit muss ersetzt werden. Aber das schaffen wir erst morgen." 

Das alles bedeutete für uns einen Hafentag in Burgtiefe. Der Burger See ist ein Vogelparadies und Naturschutzgebiet. Und gerade jetzt ist Brut- und Durchzugszeit, also einiges zu sehen.


Etappe nach Kühlungsborn

Am Dienstag ging es nach kurzer Operation am offenen Motor gleich weiter mit Ziel Kühlungsborn. Windstärken anfangs um 20, in Böen 25 Knoten brachten uns schnell voran. Leider drehte der Wind immer weiter, so dass wir aus der direkten Richtung nach Süden abweichen mussten. Aus den direkten 25 Seemeilen wurden dadurch etwa 31. In der Anfahrt nach Kühlungsborn dann wieder Schweinswale - dieses Mal mindestens drei.

Skipper über Bord und andere Sorgen 

Der heutige Morgen begann mit leichten Kopfschmerzen, aber die waren schnell vergangen. Erstmal stellte sich die Frage, warum die Hauptsicherung raus ist. Es war Kondenswasser in die Verteilerdose getropft. Eine Dusche später wieder an Bord begann ich - der 4*-Marina angemessen - das Schiff zu putzen. Am Heck rutschte mir der Schuh mit Schwung über die Bootskante und ich landete zwischen Boot und Steg im 8° kalten Ostseewasser. Wach! Kopfschmerz weg. Gut, dass wir im Bodensee und Vierwaldstättersee schon einmal geübt hatten. Handy nass und nicht wieder anzukriegen. Mist. Das muss ich mir jetzt die nächsten 13 Wochen anhören. 

Ausserdem ist das Küchenpapier leer. Wo haben wir das verstaut? Ach ja, in der Bilge. Was ist das da? Wasser? Salzig? Ölig? Etwa einen Zentimeter hoch in der Bilge. Wo es herkam - keine Ahnung. Wir haben es rausgetrocknet und es kam bislang nicht wieder. Wir behalten das im Auge... Melanie macht derweil entspannt am Steg Yoga - schliesslich sind wir ja zur Entspannung hergekommen.

Es folgte ein wunderbarer Segelschlag von knapp 15 sm nach Warnemünde, wo wir im Yachthafen Hohe Düne liegen und uns auf den sehr langen Schlag morgen nach Hiddensee freuen. Hoffen wir, dass der Wind mitspielt.  



Sonntag, 1. Mai 2022

Ostseesegeln 2022 - Erste Etappe

Gestern sind wir die erste Etappe gefahren. In Laboe gestartet und quer durch die Kieler Bucht und die Schiessübungsgebiete der Marine Todendorf/Putlos gefahren. Leider gab es wenig Wind, so dass wir insgesamt nur ca. 5 Seemeilen (sm) gesegelt sind, den Rest hat die Maschine an Bord (ein 29PS-Volvo-Diesel) gemacht. Leider auch ein paar Problemchen an Bord gefunden, um die wir uns noch kümmern müssen. Autopilot will nicht so recht, Windanzeiger und Logge sind nicht richtig geeicht. Nichts, was uns am Segeln hindert, aber doch etwas ärgerlich. 

Highlights jedenfalls gab es auch: Die Brückendurchfahrt Fehmarnsund ist spannend. 


Nach der Brücke auf der Anfahrt in Richtung Burgtiefe haben wir Schweinswale gesehen. (Oder war es nur einer? Unklar.) Die vergleichsweise kleinen Tiere tauchen immer nur kurz zum Atmen auf und sind dann schnell wieder abgetaucht, so dass man sie kaum vor die Linse bekommt. Mein Highlight ausserdem: erste Etappe als Skipper erfolgreich beendet und halbwegs sicher in Burgtiefe im Hafen rückwärts in der Box festgemacht. Wir geniessen nun den Morgen am Rundsteg in der tollen Marina  Burgtiefe und sehen mal, wie es heute weitergeht. Der Wind schläft noch, und das könnte auch noch ein-zwei Tage so bleiben.